Ratgeber ADHS-Wegweiser: ADHS-Diagnostik bei Kindern
ADHS-Diagnostik bei Kindern: Ablauf, Dauer und was Sie mitbringen sollten

Der erste Termin steht bevor, und weder Sie noch Ihr Kind wissen genau, was Sie erwartet. Diese Angst vor dem Unbekannten ist einer der häufigsten Gründe, warum Eltern eine Diagnostik vor sich herschieben. Diese Seite erklärt Schritt für Schritt, wie eine ADHS-Diagnostik abläuft, wer sie durchführen darf und wie Sie sich und Ihr Kind vorbereiten können. Hier erfahren Sie, wie die ADHS-Diagnostik bei Kindern abläuft.
ADHS-Diagnostik bei Kindern: Das Wichtigste in Kürze
- Eine ADHS-Diagnostik basiert nie auf einem einzelnen Test, sondern auf mehreren Informationsquellen: Gespräch mit den Eltern, Rückmeldungen aus Schule oder Kita, standardisierten Fragebögen und einer körperlichen Untersuchung (S3-Leitlinie ADHS, AWMF-Registernummer 028-045).
- Diagnostizieren dürfen unter anderem Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, für Kinder- und Jugendmedizin mit entsprechendem Schwerpunkt sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -psychotherapeuten.
- Die Diagnostik erstreckt sich über mehrere Termine, eine seriöse Abklärung lässt sich nicht in einem einzigen Gespräch erledigen.
- Verhält sich Ihr Kind beim Termin unauffällig, ist das kein Widerspruch zur Diagnose, sondern einer der Gründe, warum mehrere Informationsquellen einbezogen werden.
- Neben ADHS werden auch andere mögliche Ursachen und häufige Begleitstörungen mituntersucht.
Eine ADHS-Diagnostik bei Kindern ist ein mehrstufiges Verfahren, das ärztliche und psychologische Untersuchung, Gespräche mit den Eltern, Rückmeldungen aus dem schulischen Umfeld und standardisierte Fragebögen kombiniert, um ein zuverlässiges Gesamtbild zu erhalten. Nach der S3-Leitlinie ADHS (AWMF-Registernummer 028-045) reicht eine einzelne Untersuchungssituation dafür nicht aus.
- Wer darf ADHS bei Kindern diagnostizieren?
- Wie läuft eine ADHS-Diagnostik ab?
- Ab welchem Alter kann eine ADHS-Diagnostik überhaupt stattfinden?
- Wie viele Termine sind nötig und wie lange dauert es?
- Welche Unterlagen sollten Sie mitbringen?
- Welche Rolle spielt die Schule bei der Diagnostik?
- Was wird außer ADHS noch untersucht?
- Mein Kind verhält sich beim Termin ganz normal. Ist das ein Problem?
- Wie bereite ich mein Kind auf den Termin vor?
- Wie lange sind die Wartezeiten?
- Ablauf der Diagnostik auf einen Blick
- ADHS-Diagnostik bei Kindern: Häufige Fragen
Wer darf ADHS bei Kindern diagnostizieren?
Eine ADHS-Diagnose bei Kindern stellen in der Regel Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin mit entsprechender Zusatzqualifikation, etwa im Bereich Neuropädiatrie, sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -psychotherapeuten. Auch sozialpädiatrische Zentren führen die Diagnostik durch.
Welche Berufsgruppe im Einzelfall zuständig ist, hängt oft von der Verfügbarkeit vor Ort ab, nicht davon, welche Fachrichtung „besser“ diagnostiziert. Entscheidend ist, dass die Diagnostik strukturiert nach den anerkannten Kriterien und mit mehreren Informationsquellen erfolgt, unabhängig von der genauen Berufsbezeichnung der durchführenden Fachperson.

Wie läuft eine ADHS-Diagnostik ab?
Eine sorgfältige ADHS-Diagnostik folgt einem festen Aufbau: einer ausführlichen Anamnese mit den Eltern, einer Fremdanamnese mit Informationen aus Kita oder Schule, standardisierten Fragebögen, einer Verhaltensbeobachtung des Kindes, einer körperlichen und neurologischen Untersuchung sowie einer Differentialdiagnostik, die andere mögliche Ursachen und Begleitstörungen prüft (S3-Leitlinie ADHS, AWMF-Registernummer 028-045).
- AnamnesegesprächAusführliches Gespräch zur Entwicklung, zum Alltag und zu den beobachteten Auffälligkeiten des Kindes.Meist 45 bis 90 Minuten
- Fremdanamnese Schule oder KitaRückmeldung zum Verhalten außerhalb der Familie, in Absprache mit den Eltern.Läuft meist parallel
- Standardisierte FragebögenEltern, teils Kind und Schule füllen strukturierte Fragebögen aus, zum Beispiel FBB-HKS, Conners-3 oder SDQ.15 bis 30 Minuten je Bogen
- VerhaltensbeobachtungBeobachtung des Kindes in der Untersuchungssituation, teils ergänzt durch Testverfahren.Ein bis zwei Termine
- Körperliche und neurologische UntersuchungOrientierende Untersuchung, um andere Ursachen auszuschließen.Oft kombiniert mit anderen Schritten
- AbschlussgesprächZusammenführung aller Informationen, Diagnosemitteilung und weiteres Vorgehen.Eigener, meist kürzerer Termin
Für die standardisierten Fragebögen werden in Deutschland üblicherweise etablierte, wissenschaftlich geprüfte Verfahren eingesetzt, etwa der Fremdbeurteilungsbogen für hyperkinetische Störungen (FBB-HKS) für Eltern und Lehrkräfte, der Conners-3-Fragebogen oder der Strengths and Difficulties Questionnaire (SDQ) (Zentrales ADHS-Netz, Übersicht deutscher Diagnostikverfahren). Welches Verfahren im Einzelfall verwendet wird, entscheidet die diagnostizierende Praxis, die konkreten Fragebögen selbst variieren dadurch von Praxis zu Praxis, das Prinzip mehrerer standardisierter Rückmeldungen bleibt aber gleich.
Diese Reihenfolge ist kein Zufall: Jeder Baustein liefert eine andere Perspektive auf das Verhalten des Kindes, die für sich genommen unvollständig wäre. Erst das Zusammenspiel aus mehreren Quellen ermöglicht eine verlässliche Einschätzung, ob die beobachteten Auffälligkeiten tatsächlich einer ADHS entsprechen oder andere Ursachen haben.
Ab welchem Alter kann eine ADHS-Diagnostik überhaupt stattfinden?
Eine zuverlässige Diagnostik ist in der Regel ab dem Vorschul- oder frühen Grundschulalter sinnvoll durchführbar, weil sich die Kernsymptome dann über mehrere Lebensbereiche hinweg, etwa zu Hause und in Kita oder Schule, vergleichen lassen. Nach ICD-11 (WHO, 2024) müssen erste Auffälligkeiten ohnehin schon vor dem 12. Lebensjahr bestanden haben, eine Diagnostik kann aber schon deutlich früher sinnvoll sein, wenn der Leidensdruck im Alltag entsprechend hoch ist.
Im Kleinkindalter ist eine sichere Einordnung schwieriger, weil ausgeprägte Bewegungsfreude und kurze Aufmerksamkeitsspannen in diesem Alter grundsätzlich normal sind. Eine Diagnostik in diesem Alter stützt sich deshalb noch stärker auf mehrere Informationsquellen über einen längeren Beobachtungszeitraum, statt auf den Eindruck einzelner Termine.
Wie viele Termine sind nötig und wie lange dauert es?
Eine ADHS-Diagnostik lässt sich nicht in einem einzigen Termin abschließen, in der Regel sind mehrere Termine über einen Zeitraum von mehreren Wochen nötig. Wie viele Termine genau erforderlich sind, hängt von der Praxis, der Komplexität des Einzelfalls und davon ab, wie schnell Rückmeldungen aus Schule oder Kita vorliegen.
Belastbare, einheitliche Zeitangaben für die Gesamtdauer lassen sich seriös nicht nennen, da sich die Praxis von Praxis zu Praxis unterscheidet. Als grobe Orientierung: Das Anamnesegespräch nimmt häufig 45 bis 90 Minuten in Anspruch, die Verhaltensbeobachtung und Testdiagnostik weitere ein bis zwei Termine, das Abschlussgespräch mit der Diagnosemitteilung meist einen eigenen, kürzeren Termin. Diese Angaben sind grobe Richtwerte, keine verbindliche Zusage für Ihre konkrete Praxis vor Ort.
Welche Unterlagen sollten Sie mitbringen?
Hilfreich sind alle vorliegenden ärztlichen Vorbefunde, etwa vom Kinderarzt oder aus einer Früherkennungsuntersuchung, sowie der gelbe U-Heft-Auszug, falls vorhanden. Auch ein Vorsorgeheft, bisherige Zeugnisse und schriftliche Rückmeldungen von Kita oder Schule können die Diagnostik erleichtern.
Manche Praxen versenden vorab Fragebögen an Eltern und teils auch an die Schule, die ausgefüllt zum ersten Termin mitgebracht werden sollen. Fragen Sie bei der Terminvereinbarung direkt nach, welche Unterlagen die jeweilige Praxis konkret wünscht, das erspart unnötige Rückfragen während der Diagnostik.
Welche Rolle spielt die Schule bei der Diagnostik?
Rückmeldungen aus der Schule sind ein zentraler Baustein der Diagnostik, weil sie zeigen, wie sich das Kind in einem strukturierten Umfeld außerhalb der Familie verhält. Nach der S3-Leitlinie sind Verhaltensbeobachtungen außerhalb der Untersuchungssituation, etwa in der Schule, besonders dann wichtig, wenn sich die Symptomatik im Gespräch allein nicht eindeutig einschätzen lässt.
In der Praxis bedeutet das meist: Die Praxis bittet die Schule um einen Fragebogen oder eine kurze schriftliche Einschätzung des Verhaltens im Unterricht. Diese Rückmeldung ersetzt nicht das Gespräch mit den Eltern, ergänzt es aber um eine Perspektive, die zu Hause nicht sichtbar ist.
Was wird außer ADHS noch untersucht?
Zur Diagnostik gehört immer auch eine Differentialdiagnostik, die andere mögliche Erklärungen für die beobachteten Auffälligkeiten ausschließt, etwa Hör- oder Sehstörungen, neurologische Ursachen oder andere psychische Störungen wie Angststörungen oder depressive Symptome, die sich mit ADHS überschneiden können (S3-Leitlinie ADHS, AWMF-Registernummer 028-045). Dazu gehört eine orientierende körperliche und neurologische Untersuchung, bei entsprechenden Hinweisen auch weitere Untersuchungen wie ein EEG.
Zusätzlich wird geprüft, ob häufige Begleitstörungen vorliegen, etwa Teilleistungsstörungen wie eine Lese-Rechtschreib-Störung oder eine Rechenschwäche. Diese gründliche Abklärung ist ein Grund, warum eine seriöse Diagnostik Zeit braucht, sie stellt sicher, dass die gestellte Diagnose tatsächlich zur Symptomatik Ihres Kindes passt.
Mein Kind verhält sich beim Termin ganz normal. Ist das ein Problem?
Nein, das ist kein Problem und kein ungewöhnliches Phänomen. Manche Kinder wirken in der neuen, strukturierten Praxissituation mit einer einzelnen erwachsenen Bezugsperson deutlich ruhiger und konzentrierter als im Alltag zu Hause oder in der Klasse mit vielen Mitschülerinnen und Mitschülern.
Genau aus diesem Grund verlangt die S3-Leitlinie mehrere Informationsquellen statt einer einzelnen Untersuchungssituation: Ein unauffälliges Verhalten im Termin widerlegt eine ADHS nicht, wenn Eltern und Schule übereinstimmend von deutlichen Schwierigkeiten im Alltag berichten. Die Fachperson berücksichtigt dieses Setting-abhängige Verhalten bewusst bei der Einordnung, statt sich allein auf den Eindruck des einzelnen Termins zu verlassen.
Wie bereite ich mein Kind auf den Termin vor?
Erklären Sie Ihrem Kind altersgerecht und ohne Dramatisierung, worum es geht, etwa dass eine Ärztin oder ein Arzt herausfinden möchte, warum bestimmte Dinge im Alltag gerade schwerfallen, und dass es dabei nichts „falsch“ machen kann. Vermeiden Sie Formulierungen, die wie eine Prüfung klingen, das erhöht bei manchen Kindern die Anspannung unnötig.
Hilfreich ist außerdem, dem Kind zu sagen, dass es normal ist, wenn es sich im Termin anders verhält als sonst, und dass das kein Problem für die Untersuchung ist. Ein offenes, ruhiges Gespräch vorab nimmt vielen Kindern die größte Anspannung vor dem unbekannten Termin.
Wie lange sind die Wartezeiten?
Wartezeiten auf einen ersten Diagnostik-Termin können je nach Region und Praxis stark variieren.
Ablauf der Diagnostik auf einen Blick
| Schritt | Was passiert | Ungefährer Zeitbedarf | Wer ist dabei |
|---|---|---|---|
| Anamnesegespräch | Ausführliches Gespräch zur Entwicklung, zum Alltag und zu den beobachteten Auffälligkeiten des Kindes | Meist 45–90 Minuten, je nach Praxis | Eltern, meist ohne Kind |
| Fremdanamnese Schule/Kita | Einholen einer schriftlichen oder telefonischen Rückmeldung zum Verhalten außerhalb der Familie | Läuft meist parallel, keine feste Terminzeit | Schule oder Kita, in Absprache mit den Eltern |
| Standardisierte Fragebögen | Eltern, teils Kind und Schule füllen strukturierte Fragebögen zur Symptomatik aus, z. B. FBB-HKS, Conners-3 oder SDQ | Je nach Bogen 15–30 Minuten | Eltern, Kind, Schule |
| Verhaltensbeobachtung | Beobachtung des Kindes in der Untersuchungssituation, teils ergänzt durch Testverfahren | Ein bis zwei eigene Termine | Kind, Fachperson |
| Körperliche und neurologische Untersuchung | Orientierende Untersuchung, um andere Ursachen auszuschließen | Ein Termin, oft kombiniert mit anderen Schritten | Kind, Fachperson |
| Abschlussgespräch | Zusammenführung aller Informationen, Diagnosemitteilung und weiteres Vorgehen | Eigener, meist kürzerer Termin | Eltern, oft auch Kind |
Diese Reihenfolge und die genannten Zeiträume sind eine grobe Orientierung. Die genaue Anzahl und Dauer der Termine unterscheidet sich von Praxis zu Praxis, Informationen zur Kostenübernahme finden Sie auf der Seite ADHS-Diagnose über die Krankenkasse oder als Selbstzahler: Was Sie wissen sollten.
ADHS-Diagnostik bei Kindern: Häufige Fragen
Braucht mein Kind vor der ADHS-Diagnostik eine Überweisung?
Kann die Diagnostik auch ohne Beteiligung der Schule stattfinden?
Wird bei der Diagnostik automatisch ein Medikament verordnet?
Was passiert, wenn am Ende keine ADHS festgestellt wird?
Muss die Diagnostik bei einem Schulwechsel wiederholt werden?
Ab welchem Alter kann ADHS überhaupt festgestellt werden?
Quellen zu ADHS-Diagnostik bei Kindern
- Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte (S3) Leitlinie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, AWMF-Registernummer 028-045, federführend DGKJP, DGPPN, DGSPJ, Stand 2018 (Version 1.0; Überarbeitung zu Version 2.0 laut AWMF-Register noch nicht final abgeschlossen). register.awmf.org
- Zentrales ADHS-Netz: Leitlinien zu Diagnostik und Therapie, mit Übersicht der beteiligten Berufsgruppen. zentrales-adhs-netz.de
- Zentrales ADHS-Netz: Übersicht deutscher Diagnostikverfahren bei ADHS (u. a. FBB-HKS, Conners-3, SDQ). zentrales-adhs-netz.de
- World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Code 6A05, WHO, aktuelle Fassung 2024. icd.who.int

