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ADHS im ICD und DSM: Diagnoseschlüssel und Kriterien verständlich erklärt

Lesezeit ca. 10 Min.Aktualisiert am 03.09.2026
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Sie haben einen Code wie F90.0 auf einem Arztbrief gefunden und wollen wissen, was er bedeutet. Diese Seite erklärt die amtlichen Diagnoseschlüssel für ADHS in ICD-10, ICD-11 und DSM-5-TR und ordnet ein, welche Kriterien für eine Diagnose tatsächlich erfüllt sein müssen. Hier steht, wie ADHS im ICD und DSM beschrieben wird.

ADHS im ICD und DSM: Das Wichtigste in Kürze

  • In Deutschland wird ADHS aktuell noch nach ICD-10-GM kodiert, meist mit dem Code F90.0 „Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung“ (BfArM, ICD-10-GM 2026).
  • International löst zunehmend ICD-11 der WHO die ICD-10 ab, dort trägt ADHS den Code 6A05 mit drei Erscheinungsformen.
  • Die Zahlen in DSM-5-TR-Codes ähneln denen der deutschen ICD-10-GM, bedeuten dort aber etwas anderes, eine häufige Verwechslungsquelle.
  • Hinter dem Code steht in Deutschland verpflichtend ein Zusatzkennzeichen für die Diagnosesicherheit (G, V, A oder Z), das eigenständig zu lesen ist.
  • Eine Diagnose erfordert weit mehr als das formale Erfüllen von Kriterien auf dem Papier, sie wird von einer qualifizierten Fachperson auf Basis mehrerer Informationsquellen gestellt.
  • Diagnosesysteme werden regelmäßig überarbeitet, diese Seite gibt den Stand mit Datum an und wird bei Änderungen aktualisiert.

Kurz erklärt

Ein Diagnoseschlüssel ist ein amtlicher Code, mit dem eine Diagnose einheitlich dokumentiert und abgerechnet wird. Für ADHS ist das in Deutschland aktuell meist der ICD-10-GM-Code F90.0, international zunehmend der ICD-11-Code 6A05 der Weltgesundheitsorganisation. Der Code allein beschreibt nur die Kategorie, nicht die individuelle Ausprägung bei einem Kind.

Welchen Diagnoseschlüssel hat ADHS?

In Deutschland wird ADHS aktuell nach ICD-10-GM kodiert, dem amtlichen deutschen Klassifikationssystem des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Der am häufigsten vergebene Code ist F90.0 „Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung“ (BfArM, ICD-10-GM 2026).

F90.0

Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung. Der am häufigsten vergebene Code.

ICD-10-GM, Deutschland

F98.80

Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität, umgangssprachlich oft als ADS bezeichnet.

ICD-10-GM, Deutschland

6A05

Attention deficit hyperactivity disorder, mit Zusatzcodes für die drei Erscheinungsformen.

ICD-11, WHO

Daneben gibt es innerhalb der Gruppe F90 bis F98 weitere, seltener genutzte Codes: F90.1 für eine hyperkinetische Störung, die gemeinsam mit einer Störung des Sozialverhaltens auftritt, F90.8 und F90.9 für sonstige beziehungsweise nicht näher bezeichnete hyperkinetische Störungen, sowie F98.80 für eine Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität, umgangssprachlich oft als ADS bezeichnet (BfArM, ICD-10-GM 2026). Welcher Code im Einzelfall vergeben wird, hängt vom konkreten Erscheinungsbild ab, das die diagnostizierende Fachperson feststellt. ADHS gehört damit zum Kapitel F „Psychische und Verhaltensstörungen“ der ICD-10-GM, ist also im wörtlichen Sinne eine „F-Diagnose“, ein Begriff, der umgangssprachlich manchmal auffällt, ohne dass er über den Schweregrad etwas aussagt.

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Was bedeutet der Code auf dem Arztbrief?

Der Code selbst ist zunächst nur eine amtliche Kategorie, keine Aussage über den Schweregrad oder die individuelle Ausprägung bei Ihrem Kind. F90.0 etwa bedeutet, dass eine Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung im Sinne der ICD-10-GM-Kriterien vorliegt, nicht mehr und nicht weniger.

Für die Einordnung im Alltag ist der begleitende Text im Arztbrief meist wichtiger als der Code allein, dort beschreibt die Fachperson in der Regel, wie sich die Störung bei Ihrem Kind konkret zeigt und welche Bereiche betroffen sind. Der Code dient vor allem der einheitlichen Dokumentation und Abrechnung, für Schule oder Alltag ist er selten direkt relevant, wichtiger sind die daraus abgeleiteten Empfehlungen der Fachperson.

Was bedeutet der Buchstabe hinter dem Code, etwa F90.0G?

Für die ambulante vertragsärztliche Abrechnung in Deutschland ist zusätzlich zum ICD-10-GM-Code verpflichtend ein Zusatzkennzeichen für die Diagnosesicherheit anzugeben: G für eine gesicherte Diagnose, V für eine Verdachtsdiagnose, A für eine ausgeschlossene Diagnose und Z für einen symptomlosen Zustand nach der betreffenden Diagnose (BfArM; gesund.bund.de). Dieses Kennzeichen ist kein Bestandteil des ICD-Codes selbst, sondern wird separat dazu übermittelt.

Ggesicherte Diagnose
VVerdachtsdiagnose
Aausgeschlossene Diagnose
Zsymptomloser Zustand nach der betreffenden Diagnose

F90.0G bedeutet demnach: eine gesicherte, also fachärztlich bestätigte ADHS-Diagnose. F90.0V würde dagegen anzeigen, dass zum Zeitpunkt der Kodierung erst ein Verdacht bestand, etwa während einer laufenden Abklärung. F90.0Z taucht typischerweise bei Kontrolluntersuchungen nach einer bereits erfolgten Behandlung auf. Für die stationäre Versorgung gelten diese Zusatzkennzeichen nicht, dort sind sie nicht vorgesehen.

Was ist der Unterschied zwischen ICD-10, ICD-11 und DSM-5?

ICD-10-GM ist die in Deutschland aktuell amtlich verwendete Version der internationalen Klassifikation der WHO, angepasst durch das BfArM. ICD-11 ist die neuere, internationale Version der WHO-Klassifikation, die ICD-10 schrittweise ablöst, in Deutschland aber noch nicht flächendeckend als amtliches Abrechnungssystem eingeführt ist. DSM-5-TR ist das Diagnosemanual der amerikanischen Psychiatervereinigung (APA), das in der klinischen und wissenschaftlichen Praxis auch außerhalb der USA häufig als Kriterienkatalog herangezogen wird.

Eine wichtige Verwechslungsquelle: Die in DSM-5-TR angegebenen Codes für die drei Erscheinungsformen orientieren sich an der US-amerikanischen ICD-10-CM-Kodierung, nicht an der deutschen ICD-10-GM. Die Zahlen sehen deshalb ähnlich aus, bedeuten aber etwas anderes. Die folgende Tabelle ordnet die Systeme ein.

System Code Bezeichnung
ICD-10-GM (Deutschland) F90.0 Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung
ICD-10-GM (Deutschland) F98.80 Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität
ICD-11 (WHO) 6A05 Attention deficit hyperactivity disorder, mit Zusatzcodes für die drei Erscheinungsformen
DSM-5-TR (APA, US-Kodierung) F90.0 Predominantly Inattentive Presentation
DSM-5-TR (APA, US-Kodierung) F90.1 Predominantly Hyperactive/Impulsive Presentation
DSM-5-TR (APA, US-Kodierung) F90.2 Combined Presentation

(Quellen: BfArM, ICD-10-GM Version 2026; WHO, ICD-11, 2024; American Psychiatric Association, DSM-5-TR, 2022)

Wichtig zu sehen: Der deutsche ICD-10-GM-Code F90.0 und der DSM-5-TR-Code F90.0 sehen identisch aus, meinen aber unterschiedliche Dinge, „Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung“ im deutschen System gegenüber „Predominantly Inattentive Presentation“ im US-amerikanischen System. Wer beide Systeme vergleicht, sollte sich nicht allein auf die Zahl verlassen.

Welche Kriterien müssen für eine ADHS-Diagnose erfüllt sein?

Sowohl ICD-11 als auch DSM-5-TR verlangen ein andauerndes Muster aus Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität-Impulsivität, das deutlich über das für das Alter typische Maß hinausgeht. DSM-5-TR beschreibt dazu zwei Symptomgruppen mit jeweils neun möglichen Merkmalen, für eine Diagnose müssen bei Kindern mindestens sechs von neun Merkmalen einer Gruppe zutreffen, bei Jugendlichen ab 17 Jahren und Erwachsenen mindestens fünf (American Psychiatric Association, DSM-5-TR, 2022).

6 von 9Merkmalen einer Symptomgruppe müssen bei Kindern zutreffen
5 von 9Merkmalen bei Jugendlichen ab 17 Jahren und Erwachsenen
vor 12Beginn der Auffälligkeiten muss vor dem 12. Lebensjahr liegen
2Lebensbereiche, in denen sich die Symptome zeigen müssen

Zusätzlich verlangen beide Systeme übereinstimmend: Die Auffälligkeiten müssen bereits vor dem 12. Lebensjahr begonnen haben, sich in mindestens zwei unterschiedlichen Lebensbereichen zeigen und die soziale, schulische oder berufliche Funktionsfähigkeit nachweisbar beeinträchtigen. Zusätzlich dürfen sich die Symptome nicht besser durch eine andere psychische Störung erklären lassen. Diese Kriterien sind bewusst als beschreibender Rahmen für Fachpersonen gedacht, nicht als Selbsttest: Das formale Zutreffen einzelner Punkte auf dem Papier ersetzt keine fachliche Diagnose, die stets auf mehreren Informationsquellen und der Einschätzung einer qualifizierten Fachperson beruht.

Über die Kriterien selbst hinaus sieht DSM-5-TR eine zusätzliche Schweregradangabe vor: leicht, mittel oder schwer. Leicht bedeutet, dass kaum mehr als die für die Diagnose nötigen Symptome vorliegen und die Beeinträchtigung im Alltag gering ausgeprägt ist, schwer bedeutet deutlich mehr Symptome oder eine besonders ausgeprägte Beeinträchtigung, mittel liegt dazwischen. Diese Einstufung beschreibt den Schweregrad zum Diagnosezeitpunkt, sie ist kein fester, lebenslanger Wert und kann sich mit der Entwicklung des Kindes verändern.

Warum ist das Zeitkriterium von sechs Monaten wichtig?

Das Sechs-Monats-Kriterium unterscheidet eine vorübergehende Phase von einer diagnostisch relevanten Störung. Kinder durchlaufen normale Entwicklungsphasen mit erhöhter Unruhe oder Konzentrationsschwierigkeiten, etwa bei familiären Veränderungen oder in bestimmten Entwicklungsschüben, diese klingen jedoch typischerweise innerhalb weniger Wochen wieder ab.

Erst wenn ein Muster über mindestens sechs Monate stabil in ähnlicher Ausprägung besteht, gehört es zu den Punkten, die eine ADHS-Diagnose überhaupt erst in Betracht kommen lassen (ICD-11, WHO, 2024; DSM-5-TR, APA, 2022). Dieses Kriterium schützt davor, vorübergehende, situationsbedingte Auffälligkeiten vorschnell zu pathologisieren.

Warum müssen die Auffälligkeiten in mehreren Lebensbereichen auftreten?

Auffälligkeiten in nur einem einzigen Lebensbereich, etwa ausschließlich zu Hause oder ausschließlich in der Schule, deuten eher auf eine situative Ursache hin als auf eine übergreifende Entwicklungsstörung. Deshalb verlangen beide Diagnosesysteme, dass sich die Symptome in mindestens zwei unterschiedlichen Lebensbereichen zeigen, etwa zu Hause, in der Schule oder im Kontakt mit Gleichaltrigen.

Dieses Kriterium ist auch der Grund, warum eine sorgfältige ADHS-Diagnostik mehrere Informationsquellen einbezieht, etwa Rückmeldungen der Eltern und der Schule, statt sich auf eine einzelne Beobachtung zu verlassen. Ein Kind, das sich nur zu Hause auffällig verhält, erfüllt dieses Kriterium formal nicht, unabhängig davon, wie ausgeprägt die häusliche Symptomatik ist.

Was bedeutet die Diagnose in meiner Krankenakte?

Eine ADHS-Diagnose wird als Code in der Krankenakte und auf Abrechnungsunterlagen dokumentiert, das ist ein rein verwaltungstechnischer Vorgang und keine Bewertung Ihres Kindes. Wer Zugriff auf diese Information hat und was das für Versicherungen oder spätere Lebensbereiche bedeuten kann, ist eine eigene, umfangreichere Frage, die die Seite ADHS-Diagnose über die Krankenkasse oder als Selbstzahler: Was Sie wissen sollten behandelt.

ADHS im ICD und DSM: Häufige Fragen

Ist ICD-10 jetzt veraltet?
Nicht in Deutschland, hier ist ICD-10-GM aktuell noch das amtlich verwendete System für Diagnosecodes. International setzt sich ICD-11 zunehmend durch, eine flächendeckende amtliche Umstellung in Deutschland steht aber noch aus. Beide Systeme sind derzeit relevant, je nachdem, in welchem Zusammenhang ein Code auftaucht.
Warum steht auf dem Arztbrief manchmal F90.0 und manchmal F90.1?
Das hängt vom konkreten Erscheinungsbild ab, das die Fachperson feststellt. F90.0 wird vergeben, wenn eine Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung ohne zusätzliche Störung des Sozialverhaltens vorliegt, F90.1, wenn zusätzlich eine Störung des Sozialverhaltens im Sinne der ICD-10-GM-Kriterien besteht.
Kann sich der Diagnosecode meines Kindes später ändern?
Ja, das ist möglich, etwa wenn sich die Symptomatik im Laufe der Entwicklung verändert oder wenn ein Wechsel von ICD-10-GM zu ICD-11 amtlich erfolgt. Eine Änderung des Codes bedeutet nicht automatisch, dass sich die zugrunde liegende Diagnose oder deren Schweregrad verändert hat.
Reicht es, wenn ich bei meinem Kind einzelne Kriterien wiedererkenne?
Nein. Einzelne wiedererkannte Merkmale sind kein Ersatz für eine fachliche Diagnostik, die Kriterien sind als beschreibender Rahmen für qualifizierte Fachpersonen gedacht, nicht als Checkliste zum Selbstausfüllen. Eine verlässliche Einordnung erfordert eine strukturierte Untersuchung durch eine Fachperson und mehrere Informationsquellen.
Werden diese Diagnosekriterien in Zukunft noch geändert?
Diagnosesysteme werden regelmäßig überarbeitet, sowohl ICD als auch DSM haben in der Vergangenheit mehrfach Anpassungen erfahren und werden das auch künftig tun. Diese Seite gibt deshalb den Stand mit Datum an und wird bei relevanten Änderungen aktualisiert.
Was bedeutet der Zusatz „G“ hinter dem Diagnosecode genau?
„G“ steht für eine gesicherte Diagnose und wird in der Regel angegeben, wenn eine ADHS fachärztlich bestätigt ist und entsprechend behandelt wird. Das Zusatzkennzeichen sagt nichts über den Schweregrad aus, sondern nur darüber, wie sicher die Diagnose zum Zeitpunkt der Kodierung war.

Quellen zu ADHS im ICD und DSM

  • Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): ICD-10-GM Version 2026, Kapitel V, Block F90-F98. Stand 12.09.2025. klassifikationen.bfarm.de
  • Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Welche Zusatzkennzeichen gibt es in ICD-10-GM und wie werden sie angewendet?, Kodierfrage ICD-10-GM Nr. 1010. bfarm.de
  • gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit): Was sind ICD- und OPS-Codes?, Abschnitt zu Zusatzkennzeichen. gesund.bund.de
  • World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Code 6A05 „Attention deficit hyperactivity disorder“, WHO, aktuelle Fassung 2024. icd.who.int
  • American Psychiatric Association: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition, Text Revision (DSM-5-TR), 2022, Diagnosekriterien und Schweregrad-Spezifizierer für Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder.
  • Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte (S3) Leitlinie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, AWMF-Registernummer 028-045, Stand 2018 (Version 2.0 laut AWMF-Register noch nicht final abgeschlossen). register.awmf.org

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Zuletzt aktualisiert am 03.09.2026