Ratgeber ADHS-Wegweiser: ADS oder ADHS

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ADS oder ADHS? Der Unterschied einfach erklärt

Lesezeit ca. 9 Min.Aktualisiert am 03.09.2026
Symbolbild zum Ratgeber: ADS oder ADHS

Sie lesen mal ADS, mal ADHS, mal AD(H)S, und keiner erklärt so richtig, was der Unterschied eigentlich ist. Besonders verwirrend wird es, wenn ein Kind gar nicht zappelig ist und trotzdem die Diagnose ADHS bekommt. Diese Seite ordnet die Begriffe ein und erklärt, warum gerade der ruhige, verträumte Typ so oft übersehen wird. Ob ADS oder ADHS: Hier steht, was die Begriffe wirklich unterscheidet.

ADS oder ADHS: Das Wichtigste in Kürze

  • ADS ist ein umgangssprachlicher Begriff für ADHS ohne ausgeprägte Hyperaktivität, im aktuellen Diagnosesystem ein eigenständiger Diagnosecode.
  • Die ICD-11 der WHO unterscheidet drei Erscheinungsformen: vorwiegend unaufmerksam, vorwiegend hyperaktiv-impulsiv und kombiniert (WHO, ICD-11, 2024).
  • Das vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsbild, umgangssprachlich ADS genannt, wird besonders häufig übersehen, weil die auffällige motorische Unruhe fehlt.
  • Diese Form betrifft überproportional häufig Mädchen, die dadurch oft erst spät oder gar nicht diagnostiziert werden.
  • Die Behandlung richtet sich nach der individuellen Symptomatik, nicht nach dem umgangssprachlichen Etikett ADS oder ADHS.

Kurz erklärt

ADS ist kein eigenständiger Diagnosebegriff mehr, sondern die umgangssprachliche Bezeichnung für die vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsform der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Nach ICD-11 (WHO, 2024) wird ADHS in drei Erscheinungsformen unterteilt: vorwiegend unaufmerksam, vorwiegend hyperaktiv-impulsiv und kombiniert, je nachdem, welche Symptome im Vordergrund stehen.

Was bedeutet ADS und was bedeutet ADHS?

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und ist der offizielle Oberbegriff nach ICD-11 (WHO, 2024) und DSM-5-TR (APA). ADS, ausgeschrieben Aufmerksamkeitsdefizitstörung, ist der umgangssprachliche Begriff für eine ADHS ohne ausgeprägte Hyperaktivität, im heutigen Diagnosesystem das vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsbild.

Historisch stammt diese Trennung aus älteren Klassifikationssystemen, in denen die Aufmerksamkeitsstörung mit und ohne Hyperaktivität als zwei getrennte Diagnosen galten. Diese strikte Trennung gibt es in ICD-11 und DSM-5-TR nicht mehr, stattdessen wird ADHS als eine Störung mit unterschiedlichen Erscheinungsformen verstanden. Der Begriff ADS hat sich im Alltag trotzdem gehalten, weil er die auffälligste Eigenschaft dieser Form treffend beschreibt: Aufmerksamkeitsprobleme ohne sichtbare Unruhe.

Auch die Bezeichnung AD(H)S taucht gelegentlich auf, meist als Versuch, beide Begriffe in einem Wort zusammenzufassen. Fachlich ist das nicht notwendig: Nach aktuellem Diagnosesystem reicht die Bezeichnung ADHS zusammen mit der jeweiligen Erscheinungsform völlig aus, um sowohl die Variante mit als auch ohne ausgeprägte Hyperaktivität eindeutig zu beschreiben. Für Eltern ist es hilfreich, sich diesen einen Begriff, ADHS, einzuprägen und die Erscheinungsform als Zusatz zu verstehen, statt zwischen mehreren Bezeichnungen zu wechseln.

Beratungsgespräch in einem hellen Raum

Gibt es ADS in der aktuellen Diagnostik überhaupt noch?

Als eigenständige Diagnose existiert ADS im aktuellen Diagnosesystem nicht mehr. Nach ICD-11 (WHO, 2024) und DSM-5-TR wird stattdessen eine ADHS mit der Zusatzangabe der jeweiligen Erscheinungsform diagnostiziert, etwa „ADHS, vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild“.

Für Eltern ändert das inhaltlich wenig: Ein Kind, das früher die Diagnose ADS erhalten hätte, bekommt heute die Diagnose ADHS mit dem Zusatz „vorwiegend unaufmerksam“. Die zugrunde liegenden Symptome und die Frage, was im Alltag hilft, sind dieselben. Wichtig ist nur, dass Arztbriefe und Berichte diesen Zusatz enthalten, damit Schule und Fachpersonen wissen, um welche Erscheinungsform es geht.

Welche drei Erscheinungsformen unterscheidet man?

Nach ICD-11 (WHO, 2024) unterscheidet man bei ADHS drei Erscheinungsformen: vorwiegend unaufmerksam, vorwiegend hyperaktiv-impulsiv und kombiniert. Welche Form vorliegt, hängt davon ab, ob eher die Aufmerksamkeitsprobleme, eher Hyperaktivität und Impulsivität oder beides gleichermaßen ausgeprägt sind.

Vorwiegend unaufmerksam

Leicht ablenkbar, vergesslich, schwierig anhaltende Konzentration. Wirkt verträumt und still.

Umgangssprachlich ADS

Vorwiegend hyperaktiv-impulsiv

Motorische Unruhe, Impulsivität, Schwierigkeiten beim Warten. Zappelt, steht auf, platzt mit Antworten heraus.

Fällt schnell auf

Kombiniert

Beide Symptomgruppen deutlich ausgeprägt. Sowohl unaufmerksam als auch unruhig und impulsiv.

Oft schon im Kindergarten auffällig

Die folgende Tabelle ordnet die drei Formen mit ihren Leitsymptomen und dem typischen Bild im Unterricht ein.

Erscheinungsform Leitsymptome Typisches Bild im Unterricht Wie oft übersehen
Vorwiegend unaufmerksam (umgangssprachlich ADS) Leicht ablenkbar, vergesslich, schwierig anhaltende Konzentration Wirkt verträumt, still, „abwesend“, stört selten den Unterricht Sehr häufig, besonders bei Mädchen
Vorwiegend hyperaktiv-impulsiv Motorische Unruhe, Impulsivität, Schwierigkeiten beim Warten Zappelt, steht auf, platzt mit Antworten heraus Selten, fällt schnell auf
Kombiniert Beide Symptomgruppen deutlich ausgeprägt Sowohl unaufmerksam als auch unruhig und impulsiv Mittel, oft schon im Kindergarten auffällig

(Quelle: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Code 6A05, WHO, 2024)

Einzelne Beobachtungen aus dieser Tabelle beweisen für sich genommen nichts. Erst wenn Auffälligkeiten seit mindestens sechs Monaten, in mehreren Lebensbereichen und mit spürbarer Beeinträchtigung auftreten, gehören sie zu den Punkten, die in einer fachlichen Abklärung untersucht werden.

Woran erkennt man den unaufmerksamen Typ?

Kinder mit dem vorwiegend unaufmerksamen Erscheinungsbild fallen selten durch störendes Verhalten auf. Sie wirken eher verträumt, verlieren häufig Gegenstände, brauchen lange für Aufgaben und scheinen „nicht richtig zuzuhören“, obwohl sie im Gespräch durchaus aufmerksam wirken können.

Anders als beim hyperaktiv-impulsiven oder kombinierten Erscheinungsbild fehlt die auffällige motorische Unruhe fast vollständig. Genau das macht diese Form im Schulalltag so leicht zu übersehen: Ein Kind, das ruhig auf seinem Platz sitzt, wird selten als möglicher ADHS-Fall in Betracht gezogen, auch wenn die schulischen Leistungen deutlich hinter dem tatsächlichen Potenzial zurückbleiben.

Viele Kinder mit dieser Erscheinungsform entwickeln zudem Strategien, um Schwierigkeiten zu überspielen, etwa indem sie sich an Mitschülerinnen und Mitschülern orientieren oder Aufgaben zu Hause mit deutlich mehr Zeitaufwand nachholen, als eigentlich nötig wäre. Nach außen wirkt das Ergebnis dann unauffällig, obwohl der Weg dorthin für das Kind erheblich anstrengender war. Diese verdeckte Kompensation ist einer der Hauptgründe, warum das vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsbild in Elterngesprächen und Zeugniskonferenzen so leicht untergeht.

Warum wird der unaufmerksame Typ so oft übersehen?

Der unaufmerksame Typ wird oft übersehen, weil viele Menschen ADHS fast automatisch mit Zappeligkeit gleichsetzen. Ein Kind, das nicht „zappelig“ ist, wird deshalb häufig nicht mit ADHS in Verbindung gebracht, selbst wenn erhebliche Aufmerksamkeitsprobleme vorliegen.

Diese Fehleinschätzung trifft besonders Mädchen, die überproportional häufig die vorwiegend unaufmerksame Form zeigen und dadurch oft erst in der Pubertät oder noch später diagnostiziert werden, wenn Kompensationsstrategien nicht mehr ausreichen. Mehr dazu lesen Sie auf der Seite ADHS bei Mädchen: Warum es oft übersehen wird. Aber auch Jungen mit diesem Erscheinungsbild fallen später und seltener auf als Jungen mit ausgeprägter Hyperaktivität. Ein hilfreicher Grundsatz für Eltern und Lehrkräfte: „Ihr Kind ist doch gar nicht zappelig“ schließt ADHS nicht aus, sondern beschreibt oft genau das vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsbild.

Wird ADS anders behandelt als ADHS?

Die Behandlung richtet sich nicht danach, ob umgangssprachlich von ADS oder ADHS gesprochen wird, sondern nach der individuellen Symptomatik, dem Alter des Kindes und eventuellen Begleiterkrankungen. Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, medikamentöse wie nicht medikamentöse, deren Eignung fachärztlich im Einzelfall geprüft wird.

Bei einem vorwiegend unaufmerksamen Erscheinungsbild stehen häufig Strategien zur Unterstützung von Organisation, Konzentration und Struktur im Vordergrund, weil hier weniger die Impulskontrolle als die Daueraufmerksamkeit betroffen ist. Welcher konkrete Ansatz sinnvoll ist, klärt die behandelnde Fachärztin oder der behandelnde Facharzt gemeinsam mit der Familie, unabhängig davon, welcher Begriff im Alltag verwendet wird.

Wichtig ist außerdem, mögliche Begleiterscheinungen im Blick zu behalten. Kinder mit lange unerkannter, vorwiegend unaufmerksamer ADHS entwickeln nicht selten zusätzlich Selbstzweifel oder Versagensängste, weil sie sich für „einfach nicht gut genug“ oder „faul“ halten, obwohl die eigentliche Ursache in der unerkannten Aufmerksamkeitsstörung liegt. Eine frühzeitige, korrekte Einordnung nimmt hier oft ebenso viel Druck wie die eigentliche Behandlung der Kernsymptome.

Gibt es auch Stärken, die mit ADS oder ADHS in Verbindung gebracht werden?

Ja, wissenschaftlich untersucht wurde das bislang vor allem bei Erwachsenen. Eine 2025 in der Fachzeitschrift Psychological Medicine veröffentlichte Studie der Universität Bath, des King’s College London und des Radboud University Medical Center verglich 400 Erwachsene im Vereinigten Königreich, 200 mit formaler ADHS-Diagnose und 200 ohne, nach Alter, Geschlecht, Bildung und sozioökonomischem Status parallelisiert (Hargitai et al., 2025).

400Erwachsene in der Vergleichsstudie, je 200 mit und ohne ADHS-Diagnose
10 von 25abgefragten positiven Eigenschaften schätzten Teilnehmende mit ADHS deutlich höher ein

Von 25 abgefragten positiven Eigenschaften schätzten sich die Teilnehmenden mit ADHS bei zehn Eigenschaften deutlich häufiger höher ein als die Vergleichsgruppe, darunter Hyperfokus, Humor, Kreativität, Spontaneität, Intuition und Vorstellungskraft. Bei vierzehn Eigenschaften gab es keinen Unterschied zwischen den Gruppen, und bei einer, Ausdauer, schätzte sich die Vergleichsgruppe ohne ADHS höher ein.

Zwei Einschränkungen für die Einordnung sind wichtig: Erstens handelt es sich um eine Studie an Erwachsenen, keine Kinderstudie, eine direkte Übertragung auf Kinder ist deshalb nicht ohne Weiteres möglich. Zweitens sind es selbst eingeschätzte Tendenzen einer Gruppe, keine Vorhersage oder Garantie für ein einzelnes Kind. Die Studie selbst betont vor allem, dass das Erkennen und gezielte Einsetzen eigener Stärken mit besserem Wohlbefinden zusammenhing, unabhängig vom umgangssprachlichen Etikett ADS oder ADHS.

ADS oder ADHS: Häufige Fragen

Ist ADS eine leichtere Form von ADHS?
Nein, das ist ein verbreitetes Missverständnis. ADS beschreibt lediglich das Fehlen ausgeprägter Hyperaktivität, nicht einen geringeren Schweregrad. Die Aufmerksamkeitsprobleme und die damit verbundene Beeinträchtigung können beim vorwiegend unaufmerksamen Erscheinungsbild genauso ausgeprägt sein wie bei den anderen Formen.
Kann sich die Erscheinungsform im Laufe der Zeit ändern?
Ja. Insbesondere die motorische Hyperaktivität nimmt mit zunehmendem Alter häufig ab, während Aufmerksamkeitsprobleme eher bestehen bleiben. Ein Kind mit kombiniertem Erscheinungsbild im Grundschulalter kann deshalb im Jugendalter eher dem vorwiegend unaufmerksamen Bild entsprechen.
Warum benutzen manche Ärzte noch den Begriff ADS?
Weil sich der umgangssprachliche Begriff im deutschen Sprachraum stark eingebürgert hat, auch nachdem die Diagnosesysteme ihn durch die Erscheinungsformen der ADHS ersetzt haben. Im Arztbrief oder Diagnoseschlüssel sollte trotzdem die aktuelle Bezeichnung nach ICD-11 stehen, damit die Diagnose eindeutig ist.
Ist ein Kind mit dem unaufmerksamen Typ automatisch introvertiert oder schüchtern?
Nein. Introvertiertheit und die vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsform von ADHS sind zwei unterschiedliche Dinge, auch wenn sie sich im Verhalten ähneln können. Ein Kind kann sehr gesellig sein und trotzdem stark unaufmerksam wirken, entscheidend für die Diagnose sind Dauer und Ausmaß der Konzentrationsprobleme, nicht der allgemeine Charakter.
Wie finde ich heraus, ob mein Kind eher ADS oder eher ADHS hat?
Das lässt sich nicht durch Beobachtung allein oder einen Online-Test zuverlässig klären, sondern nur durch eine fachliche Abklärung, die Beobachtungen aus mehreren Lebensbereichen zusammenführt. Den genauen Ablauf einer solchen Diagnostik beschreibt die Seite ADHS-Diagnostik bei Kindern: So läuft die Abklärung ab.

Quellen zu ADS oder ADHS

  • World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Code 6A05 „Attention deficit hyperactivity disorder“, mit den Zusatzcodes für vorwiegend unaufmerksames, vorwiegend hyperaktiv-impulsives und kombiniertes Erscheinungsbild, WHO, aktuelle Fassung 2024. icd.who.int
  • Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte (S3) Leitlinie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, AWMF-Registernummer 028-045, federführend DGKJP, DGPPN, DGSPJ, Stand 2018 (Version 1.0; Überarbeitung zu Version 2.0 laut AWMF-Register noch nicht final abgeschlossen). register.awmf.org
  • Hargitai, L. D., Laan, E. L. M., Schippers, L. M., Livingston, L. A., Fairchild, G., Shah, P., & Hoogman, M. (2025): The role of psychological strengths in positive life outcomes in adults with ADHD, Psychological Medicine, 55, e278, DOI: 10.1017/S0033291725101232.

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Zuletzt aktualisiert am 03.09.2026